Gedankensprünge: Vom Sinn und Unsinn der Extreme

Weite der Welt

Selbstgeiselung und -Kasteiung ist momentan ja gerade total hip. Normal ist out, Extreme sind in. Es wird 40 Tage gefastet, von 1 Euro am Tag gelebt, 56 Stunden ununterbrochen nicht geschlafen, 3 Monate dauergetrunken und/oder dauergefressen, und dabei unterschieden zwischen nur Alkohol, kein Alkohol, kein Fleisch, nur Fleisch, kein Gemüse, nur Gemüse und so weiter und so weiter. Es gibt eigentlich nicht mehr viel, das nicht schon von jemand anderem noch schneller oder noch weiter geschafft wurde. Wenn selbst Otto Normalverbraucher mal eben im Eventurlaub den Himalaya erklimmt, oder in seiner Familienkutsche die 300 km/h erreicht muß der Extremsportler sich heutzutage schon mal mit einem Fallschirmsprung aus dem All wieder zurück auf die Erde fallen lassen, sonst isses ja nix.

Manche wiederum üben sich im anderen Extrem. Extremcouching z.B., oder wer halt so gar nix kann, der hat vielleicht das große Glück wenigstens einen riesigen Pickel sein Eigen nennen zu können, und sich beim ausdrücken des Selbigen zu filmen um damit auf YouTube bekannt zu werden.
Und eigentlich finde ich sowas ja auch gar nicht mal schlecht. Ehrlich gesagt finde ich das sogar ziemlich gut.

Ich persönlich liebe die Ausgewogenheit, das „im Gleichgewicht sein“. Und um ins Gleichgewicht zu kommen muß man halt die Waage auch mal in die eine oder andere Richtung ausschlagen lassen.

Gerade lese ich „40 Tage fasten: Von einem der mal Ballast abwerfen wollte“ von Timm Kruse.
Fasten ist, wie ich finde, eine tolle Sache.  Essen ist Lebensenergie, wer über längere Zeit nichts isst, der stirbt. Punkt. Wer fastet kommt irgendwann an seine Grenzen. Der Körper fängt an ums überleben zu kämpfen und wird komischerweise dabei total ruhig. Was ist jetzt aber der Unterschied zwischen den Extremerfahrungen die ich oben aufgezählt habe und dem fasten? So gut wie alle oben genannten Erfahrungen dienen doch, sind wir mal ehrlich, lediglich dazu das Ego zu puschen. Fasten jedoch läßt( zumindest wenn man es länger als 2 Wochen durchzieht) im besten Fall das Ego schrumpfen, laut Gandhi oder Buddha kann dir nach wochenlangem fasten nichts geringeres als die Erleuchtung in Form eines vollkommenen Egoverlustes passieren. Und `nen Arsch hat man danach definitiv auch nicht mehr. Oder zumindest nur noch einen Kleinen. Halleluja. Ich habe auch mal gefastet. 8 Tage lang, das war dann wohl definitiv zu kurz für irgendeine Form der Erleuchtung. Schade. Trotzdem fasten ist cool und ich würde es jederzeit wieder tun und jedem empfehlen. Ich kann euch das Buch wärmstens ans Herz legen. Der Autor schreibt herzerfrischend ehrlich und unesoterisch.

In einer Zeit wie dieser, in der nichts unmöglich erscheint, alles irgendwie machbar ist, scheint der Verzicht das Einzige zu sein, mit dem man heute noch wirkliche Grenzerfahrungen machen kann. Verzicht macht individuell, schafft Erkenntnisse, die man in der Fülle seines Alltags vielleicht auch bekommen könnte, aber wahrscheinlich einfach übersieht.
Durch Verzicht werden uns nicht nur die eigenen Grenzen aufgezeigt, manchmal erfahren wir genau in der Grenzüberschreitung die Genugtuung, die wir lange schon gesucht haben. Jenseits des höher, schneller, weiter und mehr hört man die innere Stimme lauter und eindringlicher. Der Satte braucht Kaviar und Champagner um seinem Gaumen noch einen kleinen Reiz abgewinnen zu können. Der Hungrige weiß wie gut ein Butterbrot schmecken kann. (Jetzt bin ich schon wieder beim Essen gelandet)

Mama und Kind

Vor 2 Wochen habe ich mir im Kino den Film „Der große Trip“ angesehen, und mir sofort danach auch noch das Buch dazu gekauft. Auch hier geht es um „Extreme“ im weitesten Sinn, Ausbrechen aus dem Alltag, hinein in ein Abenteuer. Die Hauptperson des Films ist Cheryl Straight, die sich nach dem Tod ihrer Mutter, dem zerbrechen ihrer Ehe und einigen wilden Sex- und Drogenabenteuern auf den Weg entlang des Pacific Crest Trails zu sich selbst macht. Sie wandert 3 Monate zumeist alleine und durchlebt dabei Hunger, Durst, vielerlei Ängste und Schmerzen, aber auch große Freude, ehrliche Erkenntnisse und viele kleine und große Wunder, die ihr dabei helfen ihr Leben neu zu beleuchten. Auf ihrer Reise durch die Wildnis Amerikas stellt sich Cheryl unerbittlich dem Kampf gegen die Natur, gegen sich selbst, verliert ihre Fußnägel und gewinnt dabei ihr Selbstvertrauen, ihren Stolz und letztendlich die Erkenntnis, das alles was ihr in ihrem bisherigen Leben geschehen ist, das alles was sie getan oder auch nicht getan hat sie letztendlich an diesen einen Punkt in ihrem Leben geführt hat und sie ohne all diese Erfahrungen nicht zu dem Menschen geworden wäre, der sie letztendlich jetzt ist. Und sie hört sich dabei nicht unzufrieden an.

Letztendlich glaube ich, ist das auch der Sinn hinter all den Ideen von jeder Art von „Extrem“. Die wirklichen, ehrlichsten und tiefgreifendsten Erfahrungen unseres Lebens machen wir nicht abends gemütlich auf der Couch sitzend, sie fliegen uns auch nicht beim meditieren am blauen See einfach so zu. Nein, echte Erkenntnis gibt es nur ausserhalb der Komfortzone, dort wo es anfängt ungemütlich, rauh und vielleicht auch lebensgefährlich zu werden. Anders funktioniert es nicht. Und wenn die Sehnsucht groß genug ist, dann brechen einige von uns aus, und machen sich auf den Weg. Und der ist ja bekanntlich das Ziel. Achja, ich bin dann mal weg…Wo ihr mich erreichen könnt? Mal sehen, vielleicht auf dem Himalaja, oder beim lustigen Wettschwimmen mit Buckelwalen in Norwegen oder …

Düne

 

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One Comment

on “Gedankensprünge: Vom Sinn und Unsinn der Extreme
One Comment on “Gedankensprünge: Vom Sinn und Unsinn der Extreme
  1. Das Fasten habe ich noch nicht probiert, bin zu dünn 😉 Kommentiere auch nicht die Fasterei, wundere mich ebenso sehr über Menschen, die dauernd das Extreme suchen und doch an ihrem Glück vorbeirennen. Um auf seinen Bauch zu hören, muss man sich einen wachsen lassen. Irgendwo dort schlummert dann auch die große Erkenntnis. Lange Rede, kurzer Sinn: Wollte eigentlich nur den Filmtipp „Der große Trip“ ergänzen um „Into the Wild“ von Sean Penn, Buch Jon Krakauer (schreibt sich ohne „h“). Unbedingt sehenswert…

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